Christof Wirtz Niederlassungsleiter

Das Vorstellungsgespräch

Bewusst habe ich das Vorstellungsgespräch in zwei separate Themen auf gesplittet. Durch den Umfang und den Stellenwert, den das Gespräch sowie die Vorbereitung auf das Gespräch hat, werden beide Punkte intensiv beleuchtet.

Begrüßung

Nach Begrüßung und der Klärung des Ablaufs werden sich die Parteien kurz einander vorstellen. Auf der Unternehmensseite werden Sie Namen und Funktion der Anwesenden hören, von Ihnen erwartet man in der Regel auch noch 2-3 Sätze zu Person und Lebensstand.

Manchmal eröffnet der (ungeübte) Gesprächspartner auf der Unternehmensseite mit „Wissen Sie, warum Sie hier sind?“ oder ähnlich. Manchmal ist diese Unbeholfenheit auch gespielt, um einen Eindruck Ihrer Spontanität zu testen.

Gegenseitige Vorstellung

Am häufigsten wird zunächst das Unternehmen und die Stelle vorgestellt, dann sind Sie dran, manchmal auch nur das Unternehmen, dann Sie und dann die Stelle. Ab und zu ist auch der Kandidat zuerst gefragt, sich und seinen Werdegang vorzustellen.

Mein Tipp an dieser Stelle: stellen Sie sich chronologisch vor, vom Schulabgang bis heute. Rückwärts orientierte Lebenslaufvorstellungen haken immer ein wenig, wie ich oft erleben durfte, selbst bei gestandenen Führungspersonen. Der Mensch denkt im Zeitstrahl nach vorne und blickt selten zurück. Lassen Sie Ihren Gesprächspartner an Ihrer Entwicklung und an Ihren Entscheidungen auf dem Weg zum Heute teilhaben. Und dabei ist eines von höchster Wichtigkeit: Sie selbst sind der Bestimmer Ihres Lebenswegs. Alles, was um Sie herum passiert, können Sie nicht beeinflussen. Nur Ihre Reaktion darauf ist wichtig und ausschlaggebend. Ja, es gibt Insolvenzen, Scheidungen, Unfälle, Krankheiten, schlechte Vorgesetzte, schlechte Lehrer – werden Sie bloß nicht zum Opfer in Ihrer Darstellung. Keiner wünscht sich die schlechten Zeiten, fast jeder ist schon mal durch die eine oder andere gegangen.

Stellen Sie dar, wie Sie aus dem Tal raus und wieder rauf gekommen sind. Was haben Sie gemacht, um Ihren Weg fortzusetzen, wie haben Sie auf widrige Umstände reagiert? Ein Kandidat von mir hatte in der 9. Klasse Hauptschule ein gerade noch ausreichendes Zeugnis. Im nächsten Jahr wurde er mit Qualifikation für die Mittlere Reife versetzt, holte das Abitur mit guten Noten nach und promovierte „Summa cum laude“ in Chemie in 8 Jahren. – Was war geschehen? Er war Linkshänder und musste bis zur 9. Klasse mit rechts schreiben, was ihn gehindert hat, sein geistiges Potential zu entfalten. In der 9. Klasse wechselte er die Hand, und es ging bergauf.

Unangenehme Punkte

Es gibt weitere unangenehme Punkte in Ihrem Werdegang, die zu beschreiben sind? Aus der ‚Berichter Position‘, die Sie heute im Vorstellungsgespräch einnehmen sieht manches anders aus, als es damals geschehen ist.

Merken Sie, dass Ihr Unternehmen in der Krise nicht weiterkommt, droht die Insolvenz? – Strecken Sie so schnell wie möglich erste Fühler aus. Niemand dankt es Ihnen, wenn Sie als (Vor-)Letzter die Lichter ausschalten.

Kommt es durch einen Vorgesetztenwechsel zu Spannungen? Verlieren Sie die Unterstützung durch Ihren Chef? Verlässt Ihr Promoter im Unternehmen selbiges? – Alles Anzeichen, die auf einen baldigen Wechsel hindeuten und Sie zum Handeln aufrufen sollten.

Ist erstmal der Frust bei Ihnen da, kommt schnell die Minderleistung bzw. Sie verlieren die Freude an Ihrer Arbeit. Darauf werden viele schlechter bewertet, (zurück)-versetzt, und es kommt zur inneren Kündigung oder zur Unzufriedenheit Ihrer Vorgesetzten mit der Folge, dass Ihnen gekündigt wird. – Alles nicht gut für Ihre anschließenden Bewerbungen.

Auch die ‚Mitnahmen‘ von ‚goldenen Handschlägen‘ sowie das Aussitzen der Übergangszeit in einer Transfergesellschaft sind nicht unbedingt das, was sich Ihr neuer Arbeitgeber von Ihnen verspricht.

Wie auch immer, im Vorstellungsgespräch ist alles bereits schon ‚vorher passiert‘ und Sie müssen* es darstellen, so gut wie möglich und immer in voller Ehrlichkeit.

*Kurzer Exkurs muss/möchte

Ersetzen Sie vor allem im Gespräch „muss“ gegen „möchte“. Ein „Ich muss…“ deutet daraufhin, dass Sie fremd bestimmt handeln und nur reagieren, während eine „Ich möchte…“ ausdrückt, dass das Getane Ihre freie Willensentscheidung ist. Besonders im Vorstellungsgespräch fallen viele Kandidaten auf das „Ich musste…“ zurück, was letztendlich ausdrückt, dass Sie nicht Ihren eigenen Weg gehen, sondern sich von anderen treiben lassen. Nicht nur für angehende Führungskräfte keine sonderlich gute Aussage.

Jetzt wissen Sie auch, warum ich das Thema zweigeteilt habe. Die Auseinandersetzung mit Ihrem Werdegang und die Darstellung im Gespräch erfordern eine viel höhere Denkleistung als der formelle Ablauf davor und danach.

Beschäftigen Sie sich mit Ihrem Werdegang! Lernen Sie sich authentisch darzustellen, hierzu habe ich im Weiteren eine Aufgabe für Sie, die wenn ich ehrlich bin*, Sie an Ihre Grenzen führen wird.

*Kurzer Exkurs: „wenn ich mal ehrlich bin“

„um mal ehrlich zu sein“: Bitte vermeiden Sie möglichst alle Floskeln und auf jeden Fall auch diese. Sie rückt Sie bei genauer Betrachtung in die Position des permanenten Lügners, der nur ausnahmsweise jetzt mal die Wahrheit sagt. – Bitte streichen Sie diese Sätze aus Ihrem Repertoire.

Aufgabe:

Nehmen Sie sich Ihren Lebenslauf, und Ihr Anschreiben sowie Ihre Zeugnisse. Markieren Sie sich Ihre eigenen Aussagen über Sie, Erfolge wie Misserfolge sowie die Aussagen, die Sie in Schul- und Arbeitszeugnissen über sich selber finden. Nummerieren Sie diese Markierungen, am allerbesten schreiben Sie diese (handschriftlich) mit Nummern auf ein Blatt Papier.

Jetzt setzen Sie sich auf die andere Seite des Tischs und setzen sich (gedanklich) den Bewerbungsempfängerhut auf. Jemand mit Ihrem Namen hat sich auf eine Position in Ihrem Unternehmen beworben und Sie sind der Entscheider.

Notieren Sie sich bitte Punkt für Punkt ein bis zwei unangenehme Fragen zu der Ihnen vorliegenden Liste. Legen Sie die Liste für 24-48 Stunden beiseite.

Noch ist alles gut. Nehmen Sie die Liste nach zwei Tagen wieder zur Hand und setzen sich auf die Bewerberseite Ihres Tischs. Stellen Sie sich vor, dass Ihnen jemand die vor Ihnen liegenden Fragen stellt und beantworten Sie diese, ohne in die Opferrolle zukommen, wahrheitsgemäß aus Ihrer Perspektive. Irgendwann zwischen Frage acht und zwölf werden Sie zähneknirschend an mich denken, sich fragen, wofür Sie das Ganze machen oder sich vorstellen, wie ich genüsslich lächelnd Ihnen bei der Quälerei zuschaue. – Sie quälen sich nicht? Alles ist easy? – Dann haben Sie im ersten Schritt die falschen Fragen gestellt.

Legen Sie wiederum Ihre Antworten für zwei Tage beiseite und gehen Sie danach erneut auf die Fragesteller-Seite, um Ihre Antworten aus Sicht des Bewerbungsempfängers kritisch zu hinterfragen. Ein letztes Mal beantworten Sie nach weiteren zwei Tagen die Nachfragen aus Runde zwei.

Geschafft.

Sie sind jetzt in der Lage auf alle Punkte Ihrer Bewerbung Ihrem Gegenüber ein gut passende Antwort zu liefern und haben sogar für die Gesprächssituation ‚vor Ort‘ noch einen kleinen Zeitpuffer rausgearbeitet. Bitte nicht nach Ihrer Liste kramen und die Antworten vorlesen, die müssen vorbereitet sein und sitzen. Auch nicht zu spontan antworten, sonst sieht es eingeübt aus.

Alle Kandidaten, die mir Feedback zu dieser Aufgabe gegeben haben, schilderten mir zum einen die Frustphasen der Ausarbeitung, das Infrage-Stellen des Zwecks, wie auch die Überlegenheit in der Bewerbungsgesprächssituation. Ich bin gespannt auf Ihr Feedback. Denken Sie immer dran, keiner muss etwas machen, was ich oder andere Ihnen empfehlen. Sie können es machen, wenn Sie wollen oder Sie lassen es bleiben. Ihre Entscheidung.

Weitere Informationen zu Fragen im Vorstellungsgespräch finden Sie hier.

Noch Fragen zum Vorstellungsgespräch oder der damit verbundenen Aufgabe? Bitte melden Sie sich bei mir. Weitere Fragen beantworte ich gerne auf Zuschrift und nehme diese gegebenenfalls auch anonymisiert hier auf. Ihre Fragen können Sie mir per Email an christof.wirtz@abc.jetzt zu senden. Alle Daten werden vertraulich behandelt. Bis nächste Woche, wenn es um die angemessene Kleidung für das Gespräch geht.

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9 Gedanken zu „Das Vorstellungsgespräch

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